Wer war Moshé Feldenkrais?

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Geboren am 6.Mai 1904 in Slawuta, Ukraine, verließ er 1918 im Alter von 14 Jahren seine Heimat, um allein nach Palästina zu gehen (und zwar hauptsächlich zu Fuß!). So dauerte die Reise 6 Monate. In den nächsten 10 Jahren arbeitete er in Tel Aviv, machte sein Abitur, studierte Mathematik und verdiente sein Geld als Bauarbeiter, Nachhilfelehrer und Landvermesser, bis er genug gespart hatte, um 1928 nach Paris zu gehen (dieses Mal nicht zu Fuß). Studium Maschinenbau und Elektrotechnik, danach Physik an der Sorbonne mit Abschluss Dr. rer. Nat. Leitender Assistent in den wissenschaftlichen Labors von Joliot-Curie. Von Professor Jigoro Kano erhielt er als einer der ersten in Europa den schwarzen Gürtel im Judo, gründete in Paris den ersten europäischen Judo-Verein.

Im zweiten Weltkrieg wurde Moshé Feldenkrais mit einer Gruppe weiterer Wissenschaftler als Geheimnisträger nach Schottland evakuiert (1940). Arbeit für die britische Admiralität als Forschungsoffizier.
1950: Tel Aviv Direktor Elektrotechnik der israelischen Streitkräfte. 1954 widmete er sich ganz der Erforschung seiner Methode. 1968 gab er in Tel Aviv eine erste Ausbildung. Ab 1971 gab er Kurse in den USA und zwei weitere „Trainings“.

Wegen einer Knieverletzung, die sich Moshé Feldenkrais beim Fußballspielen in der Jugend zugezogen hatte und die sich mit zunehmendem Alter verschlimmerte, damals als irreparabel galt, begann er zu forschen und zu experimentieren. Die Gesetze der Physik, seine Erfahrungen auf dem Gebiet der Kampfkünste, das Studium der Neurowissenschaften und die Neugier des Forschers bildeten die Grundlage um eine Methode zu entwickeln, mit der man Einfluss auf den Körper (das Nervensystem) und seine Bewegungsmuster nehmen kann. Diese Arbeit nannte er:
Bewusstheit durch Bewegung und Funktionale Integration.

Der Schwerpunkt liegt im Bewusstwerden, das Prinzip ist das Lernen.

Unter anderem erschienene Bücher:
1949: Body and Mature Behaviour- "Der Weg zum reifen Selbst"
1967: Bewußtheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang
1985: The Potent Self. Das starke Selbst
1981: Die Entdeckung des Selbstverständlichen

Moshé Feldenkrais verließ diese Welt 1984 in Tel Aviv.

Zitate aus dem Vorwort von „Die Entdeckung des Selbstverständlichen“ von 1981 (Moshé Feldenkrais)

Sind Sie mit Ihrer Haltung zufrieden, mit Ihrer Atmung, mit Ihrem Leben? Oder, anders gefragt: Haben Sie das Gefühl, Sie hätten aus Ihrer Erbmasse, aus den Möglichkeiten, mit denen Sie auf die Welt gekommen sind, das Bestmögliche gemacht? Haben Sie gelernt, das zu tun, was Sie von sich aus am liebsten tun möchten – und wie man das tut? Leiden Sie an chronischen Schmerzen? Bedauern Sie, nicht tun zu können, was Sie gerne täten? Ich bin nämlich der Ansicht, dass Ihre geheimen Wünsche in Wirklichkeit nicht nur Wunschträume sind, sondern dass jeder von uns so leben könnte, wie er es sich insgeheim wünscht. Was uns daran hindert, ist Unwissenheit: In der Wissenschaft, in unserer Kultur, und Unkenntnis unserer eigenen Person. Wenn wir nicht wissen,
was wir tatsächlich tun, dann können wir unmöglich das tun, was wir möchten. Ich habe an die vierzig Jahre damit zugebracht, zuerst einmal erkennen zu lernen, wie ich was tue, und dann anderen beizubringen, wie man lernen lernt, damit sie sich selbst gerecht werden können. Sich selbst zu erkennen, scheint mir das Wichtigste, was ein Mensch für sich tun kann. Aber wie kann man sich erkennen? Indem man lernt, nicht zu tun wie man „sollte“, sondern wie es einem selbst gemäß ist. Und es fällt uns sehr schwer, das, was mir tun, wie wir es tun sollen, von dem zu unterscheiden, was wir von uns aus tun möchten. Die Mehrzahl einer jeden Generation hört auf sich weiterzuentwickeln, wenn sie geschlechtsreif ist. Sie gilt dann als erwachsen und empfindet sich auch so. Was man danach noch lernt, hat vorwiegend nur gesellschaftliche Relevanz; die Entwicklung der Person für sich selbst bleibt im Großen und Ganzen zufällig und ein Glücksfall. Die meisten von uns erlernen einen Beruf eher durch die Gelegenheit dazu, als durch kontinuierliche Entwicklung und Entfaltung ihrer Möglichkeiten und Neigungen. …erweitern nur ihre beruflichen und gesellschaftlichen Fähigkeiten, während ihr Gefühls-und Sinnenleben pubertär oder infantil bleibt und sie dementsprechend auch in ihren motorischen Funktionen zurückbleiben. Ihre Haltung wird immer schlechter, Bewegungen werden eine nach der anderen aus dem Repertoire ausgeschieden…Sie werden abgebaut oder so vernachlässigt, dass es bald vollends unmöglich wird, sie noch auszuführen. … Vielleicht hilft ihnen dieses Buch auf einen glücklicheren Weg zu Ihrer Individualität als die breite ausgetretene Heerstraße es getan hat, auf die man uns gewöhnlich stellt. Nicht, dass ich die Absicht hätte, Sie zu korrigieren. Unsere Schwierigkeit liegt ja gerade darin, dass wir uns bemühen, uns so korrekt zu benehmen wie man das von uns erwartet und „wie man es tun sollte“; sie liegt darin, dass, indem wir diesem „sollte“ zustimmen, wir unsere Individualität unterdrücken, d.h. unser Selbst verleugnen…
Solange wir keine Alternative kennen, haben wir überhaupt keine Wahl.
In einer Gesellschaft wie der unseren werden die Schutz-und Selbstbehauptungsmechanismen während der Abhängigkeitsperiode ständig so sehr übererregt, dass sie zur vorherrschenden Motivation werden.
Sich selbst zu erkennen, scheint mir das Wichtigste, was ein Mensch für sich tun kann…
Wenn wir nicht wissen, was wir tatsächlich tun, dann können wir unmöglich das tun, was wir möchten.
Man kann lernen, sich selbst gerecht zu werden, sich selbst gemäß zu handeln.
Ich schaffe Bedingungen, in denen Menschen herausfinden, was sie brauchen, um ein besseres Leben zu leben.
Das „Wie“ ist das Kennzeichen unserer Individualität.
 
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